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England 2004

Der Start, am 31.07.2004

Aus dem vollen Galopp des Arbeitsstresses packten wir am Freitagabend alle Sachen, um am folgenden Samstagmorgen mit den super schweren Rädern zum Zug zu fahren, während mehrfach die „abfallsicheren“ Packtaschen wegflogen. Eigentlich hatten wir genügend Zeit eingeplant, doch dann war es ziemlich knapp, so dass wir uns nicht mehr rechtzeitig informieren konnten, an welcher Stelle des Bahnsteiges der Gepäckwagen stehen wird. Wir stellten uns in die Mitte des Bahnsteiges, um dann prompt in die falsche Richtung zu rasen, bis die Zugschaffnerin uns den Weg wies. Gut dachten wir, so weiß sie wenigstens, dass wir mit viel Gepäck einsteigen wollen und dies eventuell etwas länger dauern könnte.
Irgendwie konnte besagte Schaffnerin das wohl nicht so sehen, denn während wir mit einem Teil des Gepäcks zwischen Zug und Bahnsteig hingen und die Hälfte des Gepäcks noch auf dem Bahnsteig lag, pfiff sie den Zug ab! Der sonst so angenehme Trillerton, mit der Aussicht, dass es endlich losgeht, jagte uns einen Panikschock ein. In Sekundenbruchteilen sah ich in Gedanken wie sich der Zug unter unseren Füßen wegbewegte, sich das Gepäck zwischen Zug und Bahnsteig verkeilt und wir unter den Zug gezogen werden. Es war ein Alptraum…

Nach Belgien.
In Aachen angekommen begann das Abenteuer.
Jeder kennt Belgien als ein flaches Land, das man wunderbar mit dem Rad befahren kann. Irrtum, denn wir hatten uns ausgerechnet das Länderdreieck: Deutschland, Belgien, Holland ausgesucht, mit solchen Bergen, dass wir die Räder nicht einmal mehr schieben konnten.
Irgendwie kam alles zusammen: Enorme Hitze, die anstrengende Zugfahrt, fehlende Erholung nach der Arbeit, unnütze Wassermengen (jeder hatte zusätzlich ca. 11kg Wasser auf seinem Rad), extreme Steigungen und ungünstige Gewichtsverteilung, so dass wir nach verhältnismäßig wenigen Kilometern bereits völlig fertig waren! Eine schwierige Lage, die nicht den Erfahrungen entsprach…

Mit ermutigenden gegenseitigen Streicheleinheiten erreichten wir, mehr schiebend als fahrend, den ersten Rastplatz. Es war eine Stelle am Rande eines Weges, die unserem kleinen Zelt ein erstes Zuhause schenkte.
Nach ewigem Ein-, Um- und Auspacken ging es endlich weiter. Pauschale Richtung mit dem Kompass: Westen. Wir hätten vielleicht doch vorher eine Landkarte besorgen sollen? Doch das Glück war ein ständiger Begleiter! Kurze Zeit später gab’s die erste Karte. Geschenkt.
Jedenfalls fragten wir nach dem Weg, was uns das Geschenk einer Belgienkarte bescherte!

Diesmal rumpelten wir den völlig zerfurchten Waldweg, den wir am Tag zuvor hinunter gefahren waren, wieder hinauf, bis wir auf eine ehemalige Bahnstrecke kamen, die nun als wunderbarer Radweg zwischen Schatten spendenden Bäumen ausgebaut war. Was für ein Fahrvergnügen, bei dem uns zahlreiche Radfahrer begegneten.
Bei den Radlern in ganz Europa, wirklich unabhängig davon, in welchem Land wir uns gerade befanden, schien es zwei grundsätzlich verschiedene Arten zu geben. Die eine Spezies bestand aus den Normalfahrern, die ihre Räder zum Einkaufen, Ausflüge machen oder sonstige Betätigung nutzten. Solche Menschen waren meistens recht freundliche Zeitgenossen. Im Gegensatz dazu zeichnete sich die andere Spezies durch „knallharte“ Typen aus, fast ausschließlich Männer, die mit teuersten Hochleistungsrennrädern und entsprechendem „Profi“-Outfit durch die Gegend rasten. Natürlich hatten sie bei ihrem äußerst wichtigen Tun keine Zeit, die Nebensächlichkeit der Existenz anderer Menschen außer ihnen selbst wahrzunehmen, geschweige denn, deren Vorhandensein zu würdigen. Vielleicht war es ja wirklich Zufall, dass sie immer in Blau gekleidet waren und exakt in dem Moment ihre Trinkflaschen zücken mussten, wenn sie an uns vorbeirauschten…

Die ersten eineinhalb Wochen waren davon geprägt zu klären, wer gibt denn nun die Richtung an, wie schnell wird gefahren, Pausen ja oder nein, also all’ diese Dinge, die enormen Stress verursachen können. Einmal hat Katrin den Helm hingefeuert und geschrien: „Ich fahre auf der Stelle nach Hause, wenn du noch einmal so weit vor fährst!“ Nach Hause fahren. Mal eben von mitten in Belgien nach Hause fahren…..   Na ja. Aber wir hatten das große Glück, dass immer einer von uns beiden ruhig bleiben konnte, wenn der Andere gerade schlecht drauf war. Meistens war Katrin diejenige, mit den ruhigeren Nerven.
Dann fuhren wir stramm Richtung Nord-Frankreich. In der Nähe von „Wavre“ ging plötzlich nichts mehr. Es war einfach kein Weg zu finden…

Wir entschieden uns in „Ieper“ nach Norden zu fahren. Vielleicht konnten wir in der warmen Nordsee noch einmal baden, bevor das Wetter kühler werden würde.
Fehlanzeige. Niemand badete, aus zwei verständlichen Gründen: Entweder war das Wasser wegen Ebbe verschwunden, oder der Sturm peitschte feinste Sandpartikel über den Strand so heftig auf die nackte Haut, dass jeder todesmutige Badewillige erstaunlich schnell „überredet“ wurde, an den etwas geschützteren Strand zu flüchten.
Als der Wind sich gelegt hatte, wollte Katrin unbedingt auf den Dünen übernachten, da man dann beim Wachwerden aus dem Zelt heraus das Meer sehen kann. Eigentlich weiß jeder, dass man dies lieber nicht tun sollte. Aber na gut, was tut man nicht alles für seine Liebste! Beim Einschlafen bewunderten wir tatsächlich das Meer und das Unwetter über „Calais“, von dem offensichtlich war, dass wir etwas davon abbekommen würden. Da wir jedoch schon sehr schwere, stundenlange Unwetter, mit wolkenbruchartigen Regengüssen in unserem Zelt miterlebt hatten, sahen wir dem Ganzen recht gelassen entgegen.
Doch dann kam es ganz dicke!
Mitten in der Nacht brach der Gewittersturm los. Regen und aufgepeitschter Sand, knallten unaufhörlich gegen die Zeltwand, während ohrenbetäubende Donnerschläge das Gefühl aufdrängten, als seien die Blitze direkt neben dem Zelt eingeschlagen. Aber das ging noch! Am schlimmsten war der Sturm…

In Frankreich.
Wir hatten es tatsächlich geschafft, bis nach Frankreich zu kommen. Ein umwerfendes Gefühl, mit seiner eigenen Körperkraft fremde Länder zu erreichen! Dieses unbeschreibliche Glück sollten wir noch öfter erleben.
Merkwürdig war für uns auch, so einfach über Landesgrenzen zu fahren, die nur noch durch Striche auf der Straße und an kleinen Hinweisschildern zu erkennen sind. Grenzen, die vor nicht allzu vielen Jahren noch durch bewaffnete Beamte gesichert waren. Ein interessanter philosophischer Aspekt, über den Sinn trennender Grenzen.

Allerdings erwiesen sich die Angestellten der französischen Campingplätze nicht weniger kundenunfreundlich als ihre Kollegen in Belgien. Geschlossen! Fertig.
Langsam und ziemlich entnervt fuhren wir in der Dunkelheit hin und her, in der Hoffnung endlich einen kleinen Wald oder irgendetwas anderes zu finden, wo wir unser Zelt aufschlagen konnten.
Ein paar junge Leute lösten das Problem der geschlossenen Campingplätze ganz einfach, indem sie ihr Zelt neben dem Auto, auf dem Parkplatz aufschlugen.
Okay, dachten wir. Offensichtlich kennt man das Ganze hier. Eine  Idee für den Notfall hatten wir damit jedenfalls.
Als wir zu einer kurzen Pause hielten, krachte beim Fahrradabstellen auch noch Katrins Fahrradständer mit lautem Knall weg und flog im hohen Bogen in die Büsche. Der Nachteil, nun nicht mehr das Rad so einfach abstellen zu können, wurde durch den Vorteil des um einige Gramm geringeren Gewichtes von Katrins Fahrrad nicht wirklich aufgewogen.  Kurze Zeit später, es war inzwischen ca. 02.00 Uhr geworden, entdeckten wir einen Eingang in einer schmalen Mauer, hinter der sich…

„Calais“ war in greifbare Nähe gerückt. „Calais“. Dieser Name klang wie Musik in den Ohren, da er für uns die Brücke nach England darstellte.
Tatsächlich dauerte es noch zwei Tage, bis wir „Calais“ erreichten.
Die wunderbar ebene Landschaft ließ sich zwar fantastisch fahren, aber der Gegenwind hatte so auch gute Gelegenheiten, sich völlig frei zu entfalten, was er auch tat und unsere Reisegeschwindigkeit auf unter 9 km/h drückte. Katrin fuhr in meinem Windschatten, damit wir überhaupt einigermaßen vorankamen.
Dann waren wir endlich da. Calais-City blieb erst einmal unbeachtet, da wir die Fähre so schnell wie möglich finden wollten, um sofort nach England überzusetzen. Die Zeit drängte, da die Abfahrt der nächsten Autofähre unmittelbar bevor stand. Aber wo lang? In der Hafenanlage könnte man bequem etliche Fußballfelder unterbringen. Über 50 Zufahrten zu den Autofähren. Ein einziges, unüberblickbares Riesenmonstrum aus Brücken, Tunneln, Ein- und Ausfahrten, über die mehrere Fährschiffe gleichzeitig be- und entladen wurden. Mit unseren Fahrrädern kamen wir uns sehr verloren vor in den endlosen Schlangen von Autos, Geländewagen, Caravan, Bussen und riesigen Trucks, die über die Pisten rollten. Zum Glück gab es sehr nettes Servicepersonal, welches uns gleich herauswinkte und einen gefahrloseren Weg für unsere Bikes zeigte.
Als wir über die Stahlplanken des Schiffes fuhren, schloss sich hinter uns die Ladeklappe. Wir waren die Letzten gewesen!...

In England.
Gegen 23.30 Uhr legte die Fähre in „Dover“ an. England, wir hatten wirklich England erreicht. Die Ausfahrt aus dem Fährhafen gestaltete sich nicht viel einfacher als die Einfahrt in „Calais“!
Endlich draußen, türmten sich vor uns nahezu unüberblickbare Berge aus senkrecht emporsteigenden Kalksteinfelsen auf. Ein überwältigendes Bild.
Doch wohin, so mitten in der Nacht? Bergauf, bergab tourten wir durch die englischen Siedlungen, die auf dem schmalen Land am Meer keinen Meter unbebaut gelassen hatten. Doch dann entdecke Katrin eine Garage, hinter der sie aus völlig unerfindlichem Grund eine Wiese vermutete. Tatsache, sie hatte recht. Ein kleines Stück Wiese, gerade so groß, dass unser Zuhause dort hin passte, ohne den Fußweg zu blockieren. Am Morgen wollten wir schnell wieder verschwinden, da es hier vielleicht nicht gern gesehen war, wenn wir einfach unser Zelt aufstellten. Aber die Engländer sind sehr nette Leute….

Ein Steinstrand mit kleinen, bis zu faustgroßen Steinen, durch die wir versuchten die Räder zu „schieben“. Schwerstarbeit, aber die wundervolle Aussicht auf das Meer, am Fuße der riesigen Kreidefelsen hinter uns, entschädigte uns für alles mehr als reichlich. Am folgenden Tag ging es für uns schon wieder zurück nach Frankreich, da wir einen Spezialtarif für ein paar Tage gebucht hatten. Der Rückfahrt sahen wir sehr gelassen entgegen. Diesmal waren wir die Ersten auf dem Schiff. Ein Mann vom Service hatte uns in der Aufenthaltshalle sogar extra gesucht,  um uns auf die Fähre zu bitten. Engländer eben! Als wir wieder über die Stahlplanken rollten, fuhren gerade die letzten Trucks vom Schiff. Es ist unvorstellbar mit welcher zeitlichen Genauigkeit die Logistik abgewickelt wird und wie alle 6 !! Ladedecks nahezu gleichzeitig be- und entladen werden….

Wieder in Frankreich.

In Calais-City angekommen, tobte mitten in der Nacht noch das pralle Leben. Wir hatten das Gefühl in „Las Vegas“ zu sein, so viele bunte Lichter blinkten, flackerten, leuchteten durcheinander zwischen Massen von Menschen, die sich auf den dicht befahrenen Straßen zwischen hupenden Autos bewegten.
Das Hinweisschild „Hotel de Police“ erweckte in uns arge Zweifel, ob es wirklich ein Hotel oder nicht doch eine spezielle Unterkunft sein könnte…

Im belgischen Flandern.
Wir hatten das große Glück, den starken Gegenwind der Hinfahrt diesmal im Rücken zu haben, wodurch wir im wahrsten Sinne des Wortes nur so durch die Landschaft flogen. Im Handumdrehen erreichten wir Belgien, diesmal allerdings den Flandernteil, der wirklich platt wie eine Flunder ist. Das Rad heißt hier Fiets, wodurch  wir überall  „Fietser“ genannt wurden.
Eines Abends, als wir einen geeigneten Schlafplatz zwischen weiten, wie immer mit Stacheldraht eingezäunten, Wiesen suchten, fuhr ich weiter vor, während Katrin an einer für den Schlafplatz in Frage kommende Stelle auf mich wartete. Als ich zurückkam, war sie bereits mit einem älteren Ehepaar in einem intensiven Gespräch vertieft.
Die Dame, Marcella, eine äußerst temperamentvolle Frau, wahrscheinlich verstand sie sich deshalb mit Katrin so gut, lud uns in ihr Haus ein, weil wir als Fietser ja sicher Hunger haben mussten! Okay. Marcella vorne weg, wir hinterher.
In ihrer Küche angekommen, wurde der ganze Kühlschrank ausgeräumt. Marcella holte immer mehr heraus, bis der Tisch komplett voll gestellt war. Die Brotscheiben maßen bald 30 Zentimeter Länge. Offensichtlich schnitt man hier das Brot längs auf, nicht quer, wie wir es gewöhnt sind.
Jetzt hatten wir ein richtiges Problem. Wir waren bei Schweinezüchtern eingeladen, die natürlich alles aus Schweinefleisch zubereiteten. Aus Gründen einer gesunden Ernährung achteten wir aber seit Jahren sehr darauf, kein Schweinefleisch mehr zu essen! Es half nichts…
Zum Abschluss durften wir in Riks Büro, wo ein Computer mit Internetanschluss stand, eine Email nach Hause schreiben!....
So schliefen wir mal wieder in einem Haus. Zum Glück, wie sich bald herausstellen sollte, denn in dieser Nacht krachte ein Gewitter mit über 35 Liter Wasser auf den Quadratmeter herunter!
Am Morgen gab es ein ausgiebiges Frühstück, mit allem, was man sich so vorstellen kann. Jetzt wurde auch das Haus voll….

Auf der Suche nach neuen Nahrungsmitteln hielten wir an einem Großmarkt. Kaum hatten wir die Räder abgestellt, da wurden wir auch schon angesprochen. Irgendwie schienen unsere großen Packtaschen die Leute zum Gespräch einzuladen. Vielleicht waren wir es ja auch selbst, die die Menschen anzogen? 
Ein älterer Herr versuchte uns in Flandrisch-Deutsch den Weg zu erklären, was sehr lustig war, da er die Art eines aristokratischen Beamten hatte. Nach einem kurzen Augenblick stellte er fest, dass unsere Belgienkarte nicht geeignet wäre. Tatsächlich waren die durch das ganze Land gezogenen Fiets-Pfade, ein regelrechtes Netz von ausgebauten Radwegen, nicht eingezeichnet. So ging es natürlich nicht. Der Herr sprach kurz mit seiner Frau, bat uns einige Zeit hier zu warten, stieg in sein Auto und weg war er, um von zu Hause „richtige“ Karten zu holen. Zurückgekommen, brachte er einen dicken Stapel spezieller Karten mit, die in mehren Sprachen verfasst waren, mit Wegweisern zu Sehenswürdigkeiten, eingezeichneten Campingplätzen, also alles, was man als Radreisender so brauchen könnte. Wir waren schwer beeindruckt!....

Um einen Schlafplatz zu finden, mussten wir immer relativ weit von den befahrenen Straßen, ganz besonders den Autobahnen, weg sein. Ich hatte eine Wiese ins Auge gefasst, die allerdings sehr nass war, so dass wir hin- und her überlegten, ob dies nun ein guter Platz sei oder nicht. Während der Reise lernten wir in einer ungeahnten Weise unsere Ur-Instinkte wieder zu aktivieren. Dies war für die tägliche Suche eine untrügliche Hilfe. Wir blieben nur an einem Platz, wenn wir beide ein gutes Gefühl hatten. Katrin fühlte sich hier nicht richtig wohl. Dann bemerkte ich auch, dass ein Mann im Traktor uns beobachtet hatte. Wahrscheinlich war dies sein Land. Ich sauste los, um ihn zu fragen, ob wir für eine Nacht bleiben durften. Er reagierte sehr verwundert, da er doch eine Scheune mit Stroh besaß, die eine viel schönere Möglichkeit zum Schlafen wäre. Mit Einkuscheln im Stroh und so.
Wir waren mal wieder völlig platt. Da bot uns ein wildfremder Mann seine Scheune als Schlafplatz an. Einfach so. Ganz selbstverständlich.
Das ließen wir uns natürlich nicht zweimal sagen. Ich kletterte sofort an den Balken hoch, um die Lage zu erkunden. Wow. Hier konnte man ein richtiges Strohnest bauen. Das hatte ich das letzte Mal vor mindestens 30 Jahren gemacht.
Dirk wünschte uns eine gute Nacht und verschwand in seinem Haus.
Aus den Ballen baute ich einen richtig romantischen, schönen Schlafplatz und sicherte alles so, dass meine Katrin keine Bedenken mehr haben brauchte, sie könnte herunterfallen.
Offensichtlich fanden die Mücken diesen Platz auch sehr schön, so dass wir mitten in der Nacht das Zelt aufbauten, um einigermaßen schlafen zu können….

Am beeindruckendsten in Antwerpen aber waren die Menschen in dieser Stadt. Ein total Multi-Kultigewirr der unterschiedlichsten Nationalitäten, die vollkommen selbstverständlich miteinander umgingen. Es schien hier auch keine klare Sprache mehr zu geben. Ob man in der Imbissbude seinen Sandwich auf Belgisch, Holländisch, Englisch oder Französisch bestellte, spielte keine Rolle. Man sprach ohnehin alles durcheinander.
Wir schoben unsere Räder durch diesen endlosen Strom von Menschen, wobei wir ständig angesprochen wurden. Einmal sind wir beide zur gleichen Zeit gefragt worden, woher kommt ihr usw. usw., weil Katrin zufällig ein paar Meter vor mir lief.
Plötzlich sahen wir zwei junge Leute, Mara und Federico aus Argentinien, die sich neben ihrem Tandem mitten auf einem von Menschen umwimmelten Platz gerade ihr Essen vorbereiteten. Ein junges Paar, das direkt aus Buenos Aires nach Frankfurt a. Main geflogen war und mit ihrem Tandem weiter nach Paris wollte.
Federico zeigte mir die Technik, besonders die speziellen Bremsen an ihrem Tandem, welches mit Gepäck ca. 210 kg wog!. Wir fachsimpelten noch eine Weile über unsere Ausrüstungen und tauschten unsere bisher gemachten Reiseerfahrungen aus. Ob sie auch frei campen? „Always!“, alles andere ist viel zu kostspielig.
Da wir in wenigen Tagen Holland erreichen würden, schenkten wir den beiden unsere ultimativen Belgien-Radkarten, die wir von dem netten älteren Herrn erhalten hatten. Noch ein paar Fotos und schon ging es wieder weiter,…

Auf dem Zeltplatz in der Nähe von Dessel machten wir noch einmal ein paar Tage Rast.
Wir hatten in den ganzen sechs Wochen nur zweimal einen Campingplatz zum besseren Wäsche- und Haarewaschen aufgesucht.
Während L.-Horndelle ein unglaublich schönes Kinderparadies mit zahllosen Spielplätzen und Freizeitmöglichkeiten war, stellte der andere Zeltplatz in Dessel einen wirklich nicht vorstellbaren Ort äußerst eigener Platzgestaltung dar.
Überhaupt ist das Wort „Zeltplatz“ mittlerweile ziemlich irreführend, da man auf dem ganzen Platz so gut wie überhaupt keine Zelte mehr findet! In L.-Horndelle war ein Caravan der unterste Standart, denn eigentlich kam man mit einem möglichst großen LKW, der eigens eine Garage für das mitgeführte Motorrad nebst super teurem Bike bot.
Als wir unser kleines Zelt in L.-Horndelle neben solch gewaltigen Fahrzeugen aufbauten, wurden wir eher mitleidig angeschaut. Wie: So haben wir auch mal angefangen! Allerdings waren die Leute sehr nett und ausgesprochen hilfsbereit.
Ein Mann neben uns warf seinen Kompressor an und schaute ständig zu uns herüber um zu sehen, was wir davon hielten. Erst später merkte ich, dass ich ja gerade unsere Isomatten aufblies. Dann holte er seinen speziellen Zelthammer heraus, weil er sah, wie ich mit meinem Kukri-Messer die Häringe in den Boden schlug. Katrin sagte, das war ein Kontaktversuch von ihm! Er wollte eigentlich nur mal mein Kukri-Messer sehen. So ein Gespräch unter „richtigen Männern“ über Messer, Werkzeug und Technik…
Der andere Nachbar führte uns „Kunststücke“ auf seinem heißen Bike vor, indem er vor unserem Zelt immer hin- und her fuhr. Dann holte er sein Gestank verbreitendes Motorrad heraus, um ständig um uns herum zu knattern.
Es war wie in „die Camper“ im Comedy-Fernsehen….
Eine Steigerung sollte es wie gesagt noch auf dem Zeltplatz in der Nähe von Dessel geben.
Eingezäunte Gebiete vor den Caravan mit Gartenzwergen, Blumenschalen und Leuchtgirlanden, ganze angelegte Steingärten mit  gestalteten Märchen, bis hin zur amerikanischen Freiheitsstatue….

Unsere Nachbarn in Dessel, Julie, Victor und die Tochter Julie waren unvorstellbar ehrliche, nette Leute, die sich vor Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft fast umbrachten.
Wir wollten eigentlich nur hallo sagen, um uns bekannt zu machen, da wurden wir gleich zu Kaffee und Kuchen eingeladen, woraus sich ein viele Stunden dauerndes Gespräch entwickelte. Julie konnte gut Deutsch, den „Rest“ machte Katrin mit ihren eben mal schnell gelernten Sprachkenntnissen! Die beiden, d.h. mehr Julie, erzählte uns ihre ganze Lebensgeschichte. So saßen wir bis spät in die Nacht zusammen.
Am nächsten Morgen, als ich meinen Kopf aus unserem faltbaren Zuhause steckte, um zu sehen, was der Tag so bringen wird, kam sofort Julie angesaust und brachte uns frisch gebrühten Kaffee ans Zelt, damit wir einen schönen Start in den Tag haben!! Katrin schlief noch halb und konnte es gar nicht fassen. Ich sagte:“ Hi Schatz, der Kaffee ist fertig!“…

In Holland.
Irgendwo in Holland bremste Katrin völlig unvermittelt, so dass ich fast auf sie draufknallte. Ich schimpfte über soviel Leichtsinnigkeit, doch Katrin war äußerst guter Dinge, denn wir hatten gerade unseren tausendsten Kilometer erreicht, was nur sie wissen konnte, denn bei ihr ist der Fahrradcomputer installiert. Katrin steckte mich schnell mit dieser wahnsinnigen Nachricht an und wir feierten ausgelassen einfach am Wegesrand, wo wir gerade angehalten hatten, unseren historischen Erfolg. Wir hatten tatsächlich mit unseren Rädern tausend Kilometer erfahren, erschoben und ertragen. Das mussten wir natürlich erst einmal allen per SMS mitteilen. Die SMS-Kontakte waren total süß….

Wieder in Deutschland.
Nachdem wir eine Mahlzeit aus selbst gefundenen Riesen-Maronen und Steinpilzen verspeist hatten, näherten wir uns der Deutschen Grenze.
Übrigens lernten wir auch auf dieser Reise, dass Deutschland von Mr. Bond, vielleicht sogar James Bond, gegründet wurde oder ihm gehört.
An der Landesgrenze Holland-Deutschland stand es schwarz auf gelb auf dem Schild: „Bonds Republik Deutschland“!

Mit dem Befahren des deutschen Bodens stellten sich Freude und Wehmut zugleich ein. Einerseits wussten wir, dass mit dem Ende dieser Reise alle Voraussetzungen geschaffen waren für den großen Start, mit den Rädern um die ganze Welt zu radeln, andererseits ging damit unsere unvergleichlich schöne Zeit erst einmal dem Ende entgegen.

Zu Hause.
Wieder zu Hause angekommen, hatten wir große Schwierigkeiten uns an das Leben in geschlossenen Räumen zu gewöhnen, von den wieder absolut wichtigen Dingen des Arbeitsalltages ganz zu schweigen.

Die insgesamt sechswöchige Fahrt in ständiger Konfrontation mit sich selbst und das Leben mit der unmittelbaren Natur, mit Sonne, Wind, Regen, Hitze, Staub, Stille, Harmonie und Einsamkeit hatten uns grundlegend verändert…

Es ist wahr: Das Nach-Hause-Kommen ist schwieriger als das Losfahren.
Aber unsere Dias sind sehr schön geworden, so dass wir unsere Lieben Daheimgebliebenen etwas teilhaben lassen konnten.

Doch diese Gewissheit ist einfach wundervoll:
Der Countdown läuft...

Der ungekürzte Reisebericht ist in unserem Buch:
„Für immer mit dir-ich gehe auf Weltreise“ enthalten.